LNCU

LEBENSNAHER CHEMIEUNTERRICHT

2.0
SUCHERGEBNISSE: 275
Chemie
Sekundarstufe II
Reaktionsgeschwindigkeit & Gleichgewichte
Störungen von Gleichgewichten und weltweite Folgen
Datum:

Straßen und Erinnerung

Wer wird erinnert – und wer nicht?

26.06.2026
36417
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LNCU.de
ID 36417

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FS Chemie 26Gregor von Borstel
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Die Idee dahinterPDF

Die Idee dahinter

Ziele
Die Schüler:innen entwickeln ein Problembewusstsein dafür, dass Erinnerungskultur eine gesellschaftliche Setzung ist, die bestimmte Personen sichtbar macht und andere unsichtbar lässt — und lernen am Doppel-Dilemma der Straßenfrage das WAAGE(R)-Modell als Werkzeug kennen, mit dem sich eine solche Entscheidung begründet angehen lässt.

Die Lernenden ...

  • analysieren einen Stadtplan hinsichtlich der Verteilung von Straßennamen nach Geschlecht und Berufsgruppe und beschreiben das Phänomen der männlich dominierten Erinnerungskultur.
  • erläutern, welche gesellschaftlichen Werte und Machtverhältnisse sich in der Vergabe von Straßennamen spiegeln.
  • lernen das WAAGE(R)-Modell und den begleitenden Notizzettel als durchgängiges Werkzeug der Einheit kennen.
  • erfassen im Schritt Wahrnehmen den Entscheidungskonflikt — und zwar als Doppel-Dilemma: Umbenennung im Bestand und Benennung im Neubaugebiet.
  • erschließen im Schritt Analysieren konkrete Handlungsoptionen und formulieren die Fragen, die vor einem Urteil beantwortet sein müssen.
Ziele

Die Idee, das Haber-Bosch-Verfahren nicht nur als Fachinhalt, sondern über die Personen dahinter und die Frage nach einer Fritz-Haber-Straße zu unterrichten, ist nicht neu — wir verfolgen sie seit Jahren und haben sie auf LNCU bereits in früheren Fassungen umgesetzt. Ausgearbeitet und mehrfach im Unterricht erprobt wurde sie maßgeblich von Friederike Rohrbach-Lochner, die aus ihrer Verbindung von Chemie, Biologie und Geschichte heraus den multiperspektivischen Zugriff entwickelte.1 Auf ihren Beitrag geht der Kern dessen zurück, was diese Einheit bis heute trägt: die Straßenfrage als realer Bewertungsanlass — angeregt durch den Antrag des Heidelberger Friedensratschlags von 2015 zum 100. Jahrestag von Ypern —,2 das Offenlegen und Abwägen von Grundwerten wie Frieden, Leidvermeidung und wissenschaftlichem Fortschritt sowie die ausdrückliche Würdigung Clara Immerwahrs als eigenständige Forscherin und nicht bloß als Habers Ehefrau.3
Was wir hier neu gemacht haben, baut auf diesem Fundament auf: Das WAAGE(R)-Modell strukturiert das Bewerten nun durchgängig und macht den Unterschied zwischen abwägbarem Argument und K.-o.-Kriterium explizit;4 aus der einzelnen Straßenfrage wurde ein Doppel-Dilemma, das die Benennung eines Neubaugebiets und damit die Gendergerechtigkeit einbezieht; und alle Fakten wurden erneut quellenkritisch geprüft und aktualisiert. Die didaktische Linie aber bleibt, was sie 2019 war.

Beschreibung

Diese Seite eröffnet den Fall und macht aus einem Alltagsgegenstand ein Problem. Ausgangspunkt ist ein Stadtplan des „Wissenschaftlerviertels“: Die Lernenden benennen, was sie sehen — und stoßen darauf, dass alle Straßen Namen von Männern tragen. Ein Einladungsbrief zu einer Bürgerversammlung und ein Infokasten klären den Rahmen: Eine solche Versammlung kann Fragen verhandeln, aber nicht bindend beschließen — das Ergebnis ist eine Empfehlung an den Stadtrat. Damit liegt das Doppel-Dilemma offen: Was geschieht mit dem Bestand (Fritz-Haber-Straße), und nach wem werden die noch namenlosen Straßen im Neubaugebiet benannt? Anschließend lernen die Schüler:innen das WAAGE(R)-Modell und den begleitenden Notizzettel kennen, die sie durch die gesamte Einheit tragen, und durchlaufen die ersten beiden Schritte: Im Wahrnehmen beschreiben sie den Entscheidungskonflikt, im Analysieren stellen sie konkrete Handlungsoptionen zusammen und formulieren die Fragen, die vor einem Urteil beantwortet sein müssen. Gestufte Hinweise und eine Lösungshilfe sichern den Einstieg ab.

Einbettung

Der Grundgedanke für dieses Materialangebot war die LNCU-Idee, dass Chemieunterricht nicht nur Fach- und Faktenwissen vermittelt, sondern Mitverantwortung dafür trägt, dass Lernende mit diesem Wissen urteilen, bewerten und an gesellschaftlichen Entscheidungen teilhaben können.

Aus dieser Prämisse heraus wurde die Grundidee von den Gregor von Borstel im Team LNCU vorstrukturiert, im Fachseminar Chemie vorgestellt und dort aber von den Referendarinnen und Referendaren, hauptverantwortlich von O. Funken, N. Scholtz, D. Skinner und T. Thomä mit ausgearbeitet. 

Die Einheit ist damit zugleich Unterrichtsmaterial und Ausbildungselement.

Die besondere Herausforderung lag bei diesem Material darin, eine Person zu behandeln, die sich der einfachen Bewertung entzieht. Fritz Haber ist weder Held noch Schurke: Sein Verfahren ernährt bis heute einen großen Teil der Weltbevölkerung und steht zugleich für den Giftgaseinsatz im Ersten Weltkrieg.

Im Seminar wurde schnell deutlich, dass die eigentliche didaktische Gefahr in der Vereinfachung liegt – in der Versuchung, Haber zum Bösewicht und Clara Immerwahr zur pazifistischen Gegenfigur zu stilisieren. Dem wurde bewusst widerstanden. Die fiktive Ratsdebatte um die Straßenumbenennung wurde gewählt, weil sie die Ambivalenz nicht auflöst, sondern verhandelbar macht: Es gibt kein richtiges Ergebnis, nur ein begründetes. Das WAAGE(R)-Modell strukturiert dieses Abwägen, ohne es zu entscheiden.

Das Material bedient damit eine historisch-ethische Urteilsdimension: Es befähigt Lernende, eine ambivalente naturwissenschaftliche Errungenschaft im Spannungsfeld von Nutzen, Verantwortung und Schuld zu bewerten – und dieses Urteil im demokratischen Raum zu begründen. Vom Einzelfall (Fritz Haber) führt der Weg zum Prinzip (begründetes Bewerten ambivalenter Sachverhalte).

M1

Wer hat hier einen Namen?

Schau dir folgenden Teil eines Stadtplans mal an. Benenne, was du siehst und was dir dabei durch den Kopf geht. 

Weiteres

Wissenschaftler-Viertel. Bestand plus geplantes Neubaugebiet.5

Einladung zu einer Versammlung

Einladungsbrief 6

Infokasten Bürgerversammlung

Bürgerversammlungen sind in Nordrhein-Westfalen prinzipiell möglich: Einwohner:innen können dort Fragen stellen und Anträge einbringen.7

Verbindliche Beschlüsse kann die Versammlung nicht fassen — die rechtlich bindende Entscheidung liegt beim gewählten Stadtrat. Das gilt auch für Straßenumbenennungen.

Das Ergebnis eurer Sitzung wird daher eine Empfehlung an den Stadtrat von Musterstadt sein.

Aufgaben

  1. Machen Sie sich zuerst mit dem WAAGE(R)-Modell und dann mit dem Notizzettel vertraut. Beide begleiten uns durch die gesamte Einheit.
  2. Beginnen Sie mit dem ersten Schritt — Wahrnehmen: Beschreiben Sie den Entscheidungskonflikt aus dem Brief in zwei Sätzen.
  3. Gehen Sie über zum zweiten Schritt — Analysieren: Stellen Sie mindestens drei konkrete Handlungsoptionen zusammen — berücksichtigen Sie dabei sowohl den Bestand als auch das Neubaugebiet. Formulieren Sie mindestens drei Fragen, die Sie beantwortet haben müssen, bevor Sie argumentieren können.
M2

Wie gehen wir vor?

Wie kommt man zu einer begründeten Entscheidung? Dafür gibt es ein Modell, das dir hilft, Schritt für Schritt zu denken, statt vorschnell zu urteilen: das WAAGE(R)-Modell.8

Weiteres

Das WAAGE(R)-Modell kurz dargestellt.9

Weiteres

Unser gemeinsamer Start10

Damit wir alle stets den Überblick bewahren, haben wir einen begleitenden Notizzettel entworfen.

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Straßen und Erinnerung
Wer wird erinnert – und wer nicht?
https://lncu.de/material/strassen-und-erinnerung/