LNCU

LEBENSNAHER CHEMIEUNTERRICHT

2.0
SUCHERGEBNISSE: 275
Chemie
Sekundarstufe II
Reaktionsgeschwindigkeit & Gleichgewichte
Störungen von Gleichgewichten und weltweite Folgen
Datum:

Sie wussten es!

Wie die Ölindustrie Forschungsergebnisse zum Klimawandel verschleierte

30.06.2026
36401
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FS Chemie 26Gregor von Borstel
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Die Idee dahinterPDF

Die Idee dahinter

Ziele
Die Lernenden erkennen am historischen Fall der Ölindustrie, dass gesichertes naturwissenschaftliches Wissen und öffentliche Kommunikation gezielt auseinanderfallen können — und legen damit die faktische Grundlage, um Desinformation überhaupt als solche zu erkennen.

Die Lernenden ...

  • erklären, warum der CO₂-bedingte Treibhauseffekt physikalisch-chemisch seit Langem belegt ist, und stellen den Bezug zum chemischen Gleichgewicht (Prinzip von Le Chatelier) her.
  • beschreiben, was Ölkonzerne wie Exxon seit den 1970er-Jahren intern über den menschengemachten Klimawandel wussten.
  • belegen anhand der Studie von Supran, Rahmstorf und Oreskes (2023), dass die internen Prognosen erstaunlich präzise waren.
  • erläutern die Diskrepanz zwischen diesem internen Wissen und der öffentlichen Kommunikation und erkennen, dass sie sich nicht mit wissenschaftlicher Unsicherheit erklären lässt.
Beschreibung

Diese Seite eröffnet den Desinformations-Fall mit einem Widerspruch, der irritiert. Über Schlagzeilen der ExxonMobil-Kampagne und einen erzählenden Podcast steigen die Lernenden ein und öffnen dann die „vertrauliche Akte“: In Text und Zeitleiste rekonstruieren sie, was Exxon seit 1977 intern wusste — von der Warnung James F. Blacks über die CO2-Messungen auf der Esso Atlantic bis zum internen Memo von 1982. Den Schlüsselbeleg liefert die 2023 in Science erschienene Studie von Supran, Rahmstorf und Oreskes: Die unternehmenseigenen Projektionen trafen die spätere Erwärmung nahezu exakt (0,20 statt 0,19 °C pro Jahrzehnt). Damit steht die zentrale Diskrepanz fest — präzises internes Wissen gegen öffentlich gesäte Zweifel — und die Frage, die den Fall weitertreibt: Wie sät man Zweifel, wo die Fakten klar sind?

Quellen und ihre Belastbarkeit

Alle auf der Seite verwendeten Fakten sind durch frei zugängliche Primärquellen und peer-reviewte Literatur belegt. Für die Vorbereitung und für Rückfragen der Lernenden sind besonders relevant:

  • Supran, G., Rahmstorf, S. & Oreskes, N. (2023): Assessing ExxonMobil’s global warming projections. Science 379, eabk0063. DOI: 10.1126/science.abk0063 – die zentrale peer-reviewte Studie.
  • Glaser, M. B. (1982): CO2 „Greenhouse“ Effect. Internes Exxon-Memo, 12.11.1982 – frei auf climatefiles.com; Primärquelle für die 1,3–3,1 °C-Prognose.
  • Inside Climate News (2015): Exxon: The Road Not Taken – die preisgekrönte Investigativserie, Grundlage für M1 und die Zeitleiste.
  • Die Symbolbilder und der Podcast sind KI-generiert und als solche gekennzeichnet; der Podcast wurde mit NotebookLM auf Basis der genannten Dokumente erstellt und fachlich überprüft. Die Zeitleiste und die Science-Grafik sind ausdrücklich als didaktische Rekonstruktionen bzw. Bildzitate ausgewiesen, nicht als Originalquellen.

Hinweis zur Sorgfalt: Der Fall ist juristisch und öffentlich gut dokumentiert, aber politisch aufgeladen. Es empfiehlt sich, gegenüber den Lernenden konsequent zwischen belegten Fakten (interne Dokumente, Studienergebnisse) und Wertungen (Profitgier, Verantwortung) zu unterscheiden.

Beschreibung

Diese Seite ist das faktische Fundament des ersten Falls und zugleich der fachliche Anker im Themenfeld Reaktionsgeschwindigkeit & Gleichgewichte: Der Treibhauseffekt wird über das CO2-Gleichgewicht und das Prinzip von Le Chatelier an den Chemieunterricht angebunden. Didaktisch ist die Reihenfolge bewusst gewählt — erst die gesicherte Faktenlage, dann die Strategien (Folgeseite „Zweifel ist das Produkt“), schließlich die anwendbare PLURV-Methode. Erst wer die Diskrepanz zwischen Wissen und Kommunikation belegen kann, durchschaut die Manipulation als Manipulation.

Im Gesamtprojekt „3 Fälle. Dein Urteil.“ schult dieser Fall den Urteilstyp Glaubwürdigkeit — das Prüfen von Quellen und Aussagen — und steht damit eigenständig neben dem Rollen-Bürgerrat (Klima) und der WAAGE(R) (Haber).

Einbettung

Der Grundgedanke für dieses Materialangebot war die LNCU-Idee, dass Chemieunterricht nicht nur Fach- und Faktenwissen vermittelt, sondern Mitverantwortung dafür trägt, dass Lernende mit diesem Wissen urteilen, bewerten und an gesellschaftlichen Entscheidungen teilhaben können.

Aus dieser Prämisse heraus wurde die Grundidee im Fachseminar Chemie vorgestellt und dort aber von den Referendarinnen und Referendaren, hauptverantwortlich von Z. Hosseini, T. Krücken und T. Vogt, mit Gregor von Borstel ausgearbeitet. 

Die Einheit ist damit zugleich Unterrichtsmaterial und Ausbildungselement.

Die besondere Herausforderung lag bei diesem Material darin, dass die fachliche Sache – der Treibhauseffekt, die CO2-Chemie, die Belastung der planetaren Grenzen – im Unterricht zuvor bereits geklärt war. Die Einheit setzt also bewusst nach der Fachlichkeit an und fragt: Was geschieht, wenn gesicherte naturwissenschaftliche Erkenntnis gezielt in Zweifel gezogen wird, obwohl die Verursacher es besser wussten

Im Seminar zeigte sich, dass genau dieser Schritt didaktisch anspruchsvoll ist: Lernende müssen nicht widerlegen, dass der Klimawandel menschengemacht ist – das wissen sie –, sondern erkennen, mit welchen Mitteln Zweifel hergestellt wird. Daraus entstand die Entscheidung, die ExxonMobil-Dokumente zum zentralen Lernprodukt zu machen und mit der PLURV-Methode ein Werkzeug an die Hand zu geben, das über den Einzelfall hinaus trägt.

Das Material bedient damit eine epistemische Urteilsdimension: Es befähigt Lernende, die Verlässlichkeit von Aussagen zu prüfen und Strategien der Verschleierung zu durchschauen. Vom Einzelfall (Big Oil) führt der Weg zum Prinzip (PLURV als übertragbares Prüfraster) – Chemie wird hier zur Voraussetzung mündiger Erkenntnis.

M1

Verschaffen wir uns einen Überblick

Schlagzeilen

Ausgewählte Anzeigen1

... und ihr Hintergrund

Aufgaben

  1. Erstellen Sie eine Fallakte, in welcher Sie zeitlich sortiert
    1. notieren, was Mitarbeiter und Verantwortliche von Ölkonzernen wie z. B. Exxon intern über den Zusammenhang von CO2 und Klimaerwärmung wussten
    2. und im selben Zeitraum taten.
  2. Arbeiten Sie beispielhaft die Diskrepanz3 zwischen dem internen Wissen des Konzerns und der Handlungsweise heraus.
  3. Beurteilen Sie, inwiefern die Studie von Supran, Rahmstorf und Oreskes (2023) aus M3 die Behauptung entkräftet, das Verhalten von Exxon lasse sich mit „wissenschaftlicher Unsicherheit“ rechtfertigen.

Weitergedacht

  1. Am Ende steht die Frage: Wie hat man es geschafft, Zweifel zu säen, obwohl die Fakten klar auf der Hand lagen? Formulieren Sie eine erste Vermutung, mit welchen Mitteln ein Konzern Zweifel erzeugen kann.
M2

Erstellen wir eine Fallakte dazu

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Beispielmaterial

Der Fall.4

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Los geht´s.5

M3

Gesicherte Informationen zum Fall

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Unternehmen der Ölindustrie und speziell Exxon verfügten bereits früh über wissenschaftliche Erkenntnisse zum menschengemachten Klimawandel.

Bereits 1968 wurde im Auftrag des American Petroleum Institute ein Bericht verfasst, der vor erheblichen Temperaturveränderungen und schweren Umweltschäden durch steigende CO2-Konzentrationen warnte.6.

1977 informierte der Exxon-Wissenschaftler James F. Black das Management darüber, dass in der Wissenschaft bereits weitgehend Einigkeit darüber bestand, die Verbrennung fossiler Brennstoffe erhöhe die Konzentration von Kohlenstoffdioxid (CO2) in der Atmosphäre und beeinflusse dadurch das Klima. Black warnte vor erheblichen Folgen einer weiteren Erwärmung.7

In den folgenden Jahren investierte Exxon erhebliche Mittel in die Klimaforschung. Zwischen 1979 und 1982 wurden sogar auf dem Öltanker Esso Atlantic Messungen zum Austausch von CO2 zwischen Ozean und Atmosphäre durchgeführt. Gleichzeitig entstanden interne Klimamodelle und Prognosen8 zur zukünftigen Erwärmung.9

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Eine Zeitleiste zur Unterstützung10

Besonders bekannt wurde später ein internes Exxon-Dokument aus dem Jahr 1982. Darin wurde abgeschätzt, dass eine Verdopplung der CO2-Konzentration zu einer globalen Erwärmung von etwa 1,3 bis 3,1 °C führen könnte. Außerdem wurde darauf hingewiesen, dass eine Begrenzung der Erwärmung wahrscheinlich eine Verringerung des Verbrauchs fossiler Brennstoffe erfordern würde.11

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Im Jahr 1988 trug die Anhörung des Klimaforschers James Hansen vor dem US-Senat entscheidend dazu bei, den Klimawandel zu einem breiter diskutierten politischen Thema zu machen.12

Auffällig ist nun ein zeitlicher Zusammenhang: Zeitgleich veränderte sich die öffentliche Kommunikation13 von Exxon schrittweise. Während das Unternehmen zuvor umfangreiche eigene Klimaforschung betrieben und die Risiken einer CO2-bedingten Erwärmung intern dokumentiert hatte, rückten nun zunehmend vermeintliche „wissenschaftliche Unsicherheiten“ in den Vordergrund.

Gleichzeitig engagierte sich Exxon stärker mit Scheinargumenten in politischen Debatten, sprach sich gegen regulatorische Maßnahmen14 aus und beteiligte sich an Organisationen wie der Global Climate Coalition. Diese Lobbyorganisation mit beschönigendem Namen vertritt die Interessen energieintensiver Industrien gegenüber der Klimapolitik. In der Praxis wurde sie jedoch vor allem dafür bekannt, wissenschaftliche Unsicherheiten beim Klimawandel hervorzuheben und politische Maßnahmen zur Reduktion von Treibhausgasemissionen abzulehnen oder zu verzögern.

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Eine Zeitleiste zur Unterstützung15

Spätestens Ende der 1990er Jahre wird diese Strategie in den Quellen deutlich sichtbar. So formulierte ein Strategiepapier des American Petroleum Institute (API) von 1998 sinngemäß das Ziel, in der Öffentlichkeit den Eindruck fortbestehender Unsicherheiten in der Klimaforschung zu verankern.

2015 wurde dies dann aber offenbar: sowohl Journalisten von Inside Climate News als auch von der Los Angeles Times veröffentlichten ihre umfangreichen Recherchen zu den internen Klimadokumenten von Exxon.

Die entscheidende Studie

Lange Zeit war übrigens unklar, wie gut die frühen Prognosen der Ölkonzerne tatsächlich waren. 

Um zu prüfen, wie gut die Vorhersagen waren, werteten der Desinformationsforscher Geoffrey Supran, der Klimaphysiker Stefan Rahmstorf (Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung) und die Wissenschaftshistorikerin Naomi Oreskes (Harvard) für ihre 2023 in Science veröffentlichte Studie alle bekannten Temperaturprojektionen16 aus, die Exxon-Wissenschaftler zwischen 1977 und 2003 erstellt hatten.1718

Das Ergebnis fiel deutlich aus: Zwischen 63 und 83 Prozent der Exxon-Projektionen stimmten mit der später tatsächlich gemessenen Erwärmung überein. Die im Mittel vorhergesagte Erwärmung von 0,20 °C pro Jahrzehnt traf den später beobachteten Wert von 0,19 °C pro Jahrzehnt nahezu exakt – eine Genauigkeit, die mit den besten akademischen Klimamodellen ihrer Zeit mithalten konnte und teilweise besser war als die berühmte Prognose des NASA-Forschers James Hansen vor dem US-Senat 1988.19

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Eine der entscheidenden Grafiken aus der Studie vereinfacht dargestellt20

Die interne Forschung des Konzerns war demnach Wissenschaft auf Spitzenniveau und die Diskrepanz zwischen diesem präzisen internen Wissen und der öffentlichen Kommunikation lässt sich keinesfalls mit wissenschaftlicher Unsicherheit erklären.

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Im Jahr 2024 befasste sich der US-Kongress mit der Ölindustrie. Am 1. Mai 2024 fand eine Anhörung statt.21

ExxonMobil war dort nicht als Zeuge vertreten – auf der Zeugenliste stand jedoch Sharon Eubanks, die einst im US-Justizministerium das Team gegen die Tabakkonzerne geleitet hatte.

Eine Verurteilung wie im Tabakfall gab es jedoch nicht – konnte es auch nicht: Eine Kongressanhörung ist kein Gerichtsverfahren. Der Kongress kann untersuchen, Dokumente per Vorladung anfordern und politischen Druck erzeugen, aber er kann keine straf- oder zivilrechtliche Verurteilung aussprechen.

Nachgedacht

Welches Signal wollten die Abgeordneten mit der Einladung von Sharon Eubanks vermutlich senden? Beziehen Sie ein, was die Tabakindustrie und die Ölindustrie in ihrer Kommunikationsstrategie gemeinsam haben.

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Die Abgeordneten verwiesen die Sache anschließend formell an das Justizministerium und beriefen sich dabei ausdrücklich auf den Tabakfall. Die juristische Frage ist bis heute offen.

Wie hat man es eigentlich geschafft, Zweifel zu säen, wo doch die Fakten so klar auf der Hand liegen?

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Wie die Ölindustrie Forschungsergebnisse zum Klimawandel verschleierte
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