Aufgaben
- Machen Sie sich mit dem Grundkurs Desinformation in M1 vertraut. Das Plakat ist eine Hilfe – Sie müssen nicht alles darauf jetzt bereits lesen.
- Analysieren Sie 2- 3 ausgewählte Aussagen aus M2 mithilfe von P-L-U-R-V. Nutzen Sie das Modellbeispiel als Orientierung – und entscheiden Sie selbst, ob oder wann Sie die Hinweise brauchen.
Die P-L-U-R-V Methode
Weiteres
Die drei Beispiele aus dem Fall ExxonMobil folgen alle Mustern – und diese sind kein Zufall, sondern haben Methode.
Der Kognitionspsychologe John Cook hat systematisch untersucht, wie Desinformationskampagnen aufgebaut sind – unabhängig davon, ob es um den Klimawandel, die Tabakindustrie oder andere Themen geht.1
Sein Befund: Es tauchen immer wieder dieselben fünf Muster der Desinformation auf. Im Deutschen werden sie unter dem Akronym PLURV zusammengefasst – Pseudo-Experten, Logik-Fehler, Unerfüllbare Erwartungen, Rosinen-Pickerei und Verschwörungsmythen.2
Unsere drei Beispiele haben bereits gezeigt, wie drei dieser Muster in der Praxis aussehen. Die Abbildung 1 gibt einen Überblick über alle fünf.
TIPP: Das Spiel "cranky uncle"
Der „mürrischer Onkel“3
Mit Cranky Uncle kannst du diese Fähigkeit erst mal trainieren, wenn du willst – spielerisch, auf Deutsch, kostenlos im Browser. Zehn Minuten Spielen schärfen den Blick für das, was in M2 von dir erwartet wird.4
Probiere es selbst exemplarisch: Aussagen mit P-L-U-R-V checken
Bevor du Aussagen aus unserem Fall analysierst, zeigt ein Beispiel, wie es gehen kann kann. Du kannst es jederzeit als Orientierung nutzen.
Beispiel - wie kann ich vorgehen?
Die Klimaforschung ist zu unsicher, um politische Maßnahmen zu rechtfertigen.
- Was wird behauptet? Die Forschung ist nicht sicher genug – deshalb sollte man nicht handeln.
- Muster der Desinformation: Logik-Fehler und Unerfüllbare Erwartungen. Aus bestehender wissenschaftlicher Unsicherheit wird gefolgert, dass Handeln nicht gerechtfertigt sei. Gleichzeitig wird implizit verlangt, dass Wissenschaft vollständige Sicherheit liefern muss – eine Erwartung, die sie grundsätzlich nicht erfüllen kann.
- Warum ist das problematisch? Unsicherheit gehört zur Wissenschaft. Sie als Argument gegen Handeln zu verwenden, dreht die Beweislast um. Auch bei unvollständiger Gewissheit können – und müssen – Vorsorgeentscheidungen getroffen werden.
- Mögliche Absicht: Zweifel erzeugen und politische Maßnahmen verzögern.
- Korrekte Einordnung in einem Satz: Klimamodelle enthalten Unsicherheiten, zeigen aber eindeutig einen menschengemachten Erwärmungstrend, der ausreichende Grundlage für politisches Handeln ist.
Aussagen zur Analyse
Es ist unklar, ob Treibhausgase tatsächlich zu signifikanter Erwärmung führen.
Analysieren Sie diese Aussage: Welches Muster der Desinformation steckt dahinter – und was macht sie besonders schwer zu widerlegen?
Schauen Sie sich an an, wie die Aussage mit Unsicherheit argumentiert. Wird hier ein wissenschaftlicher Befund angezweifelt – oder wird Unsicherheit selbst als Argument benutzt? Welches Muster aus P-L-U-R-V könnte das sein?
Muster der Desinformation: Logik-Fehler und Unerfüllbare Erwartungen.
Die Aussage übertreibt wissenschaftliche Unsicherheit strategisch. Obwohl ein klarer Zusammenhang zwischen Treibhausgasen und Erwärmung wissenschaftlich gut belegt ist, wird suggeriert: Wenn nicht alles vollständig gesichert ist, ist auch nichts belegt. Das ist ein Logik-Fehler – und gleichzeitig eine unerfüllbare Erwartung, weil vollständige Sicherheit in der Wissenschaft grundsätzlich nicht existiert.
Korrekte Einordnung in einem Satz: Der Zusammenhang zwischen Treibhausgasen und globaler Erwärmung gehört zu den am besten belegten Erkenntnissen der Naturwissenschaften.
Diese Argumentationslinie findet sich in den Advertorials7, die Mobil und ExxonMobil zwischen 1989 und 2004 regelmäßig in der New York Times schalteten. Supran und Oreskes haben 2017 nachgewiesen, dass 81 Prozent dieser Anzeigen Zweifel an der Klimawissenschaft säten – während 80 Prozent der internen Forschungsdokumente desselben Unternehmens den wissenschaftlichen Konsens stützten.8
Es gibt auch natürliche Ursachen für den Klimawandel – daher ist menschlicher Einfluss fraglich.
Analysieren Sie diese Aussage: Welches Muster der Desinformation steckt dahinter?
Ein Teil der Aussage ist sogar richtig – es gibt tatsächlich natürliche Klimaeinflüsse. Überlegen Sie: Was passiert, wenn man einen richtigen Teilaspekt so betont, dass der Gesamtbefund verzerrt wird? Welches PLURV-Muster könnte das sein?
Muster der Desinformation: Rosinen-Pickerei und Logik-Fehler.
Dass natürliche Klimaeinflüsse existieren, ist korrekt. Daraus zu schlussfolgern, dass menschlicher Einfluss deshalb fraglich sei, ist jedoch ein Logik-Fehler. Der wissenschaftliche Befund ist eindeutig: Natürliche Faktoren allein können die beobachtete Erwärmung seit Mitte des 20. Jahrhunderts nicht erklären. Indem nur der natürliche Anteil hervorgehoben wird, wird der Gesamtbefund verzerrt – das ist Rosinen-Pickerei.
Korrekte Einordnung in einem Satz: Natürliche Faktoren spielen eine Rolle im Klimasystem, erklären aber den beobachteten Erwärmungstrend seit 1950 nicht – dieser ist nach aktuellem Forschungsstand überwiegend menschengemacht.9
ExxonMobil-Wissenschaftler hatten intern bereits in den frühen 1980er Jahren festgestellt, dass natürliche Faktoren die beobachtete Erwärmung nicht hinreichend erklären können. Öffentlich wurde das Argument der natürlichen Ursachen dennoch eingesetzt, um Zweifel am menschlichen Einfluss zu wecken.10
In den 1970ern haben Wissenschaftler noch eine neue Eiszeit vorhergesagt – warum sollten wir den Klimamodellen heute vertrauen?
Analysiere diese Aussage: Welches Muster der Desinformation steckt dahinter?
Überlege: Wird hier die gesamte Wissenschaft fair dargestellt – oder werden einzelne, untypische Stimmen aus der Vergangenheit herausgegriffen? Und welche Erwartung steckt implizit dahinter, was Wissenschaft leisten müsste?
Muster der Desinformation: Rosinen-Pickerei und Unerfüllbare Erwartungen.
In den 1970ern sprach sich nur eine kleine Minderheit der Klimaforschenden für eine drohende Eiszeit aus – etwa 10 Prozent aller damaligen Publikationen. Die Mehrheit sah bereits die Erwärmung kommen. Indem diese Minderheitsmeinung als repräsentativ dargestellt wird, werden einzelne Rosinen herausgepickt. Gleichzeitig steckt dahinter die unerfüllbare Erwartung, Wissenschaft dürfe sich nie revidieren – dabei ist Revision durch neue Erkenntnisse ein Grundprinzip wissenschaftlichen Arbeitens.
Korrekte Einordnung in einem Satz: Der vermeintliche „Konsens zur globalen Abkühlung in den 1970ern“ ist ein Mythos – die Mehrheit der damaligen Klimaforschung sah die Erwärmung bereits voraus, wie auch Exxons eigene interne Wissenschaftler.11
Exxon-Chef Lee Raymond verwendete dieses Argument 1997 öffentlich, um Zweifel an der aktuellen Klimaforschung zu wecken. Exxons eigene Wissenschaftler hatten die Eiszeit-These intern bereits in den 1970ern als unwahrscheinlich eingestuft – das Unternehmen wusste also, dass das Argument seinen eigenen Forschungsergebnissen widersprach.12
Verbraucher:innen sind für ihre Emissionen selbst verantwortlich.
Diese Aussage stammt nicht von ExxonMobil, sondern von einem anderen Ölkonzern – erkennst du trotzdem das Muster?
Analysieren Sie diese Aussage: Welches Muster der Desinformation steckt dahinter?
Ist die Aussage vollständig falsch? Haben Einzelpersonen wirklich keine Verantwortung? Oder wird hier etwas Richtiges so betont, dass eine andere, größere Verantwortung aus dem Blick gerät? Und: Wer hat ein Interesse daran, dass wir so denken?
Muster der Desinformation: Logik-Fehler und Rosinen-Pickerei.
Die Aussage ist nicht vollständig falsch – individuelle Entscheidungen haben Auswirkungen. Der Logik-Fehler liegt darin, die Verantwortung von strukturellen Verursachern – Industrie, Energiepolitik, Infrastruktur – auf Einzelpersonen zu verlagern. Indem nur die individuelle Ebene beleuchtet wird, geraten die eigentlichen Hauptverursacher aus dem Blick. Das ist Rosinenpickerei: Ein richtiger Teilaspekt wird so hervorgehoben, dass das Gesamtbild verzerrt wird.
Korrekte Einordnung in einem Satz: Individuelle Verantwortung existiert, kann aber strukturelle Verantwortung von Industrie und Politik nicht ersetzen – und war historisch ein gezielt eingesetztes Mittel, um von eben dieser strukturellen Verantwortung abzulenken.13
Der Begriff „carbon footprint“ – auf Deutsch: persönlicher CO2-Fußabdruck – wurde nicht von Umweltschützern erfunden, sondern von BP. Das Unternehmen lancierte ihn 2004 als Teil einer über 100 Millionen Dollar teuren Werbekampagne, die mit der Agentur Ogilvy & Mather entwickelt wurde. Das Ziel: Verantwortung für den Klimawandel von Unternehmen auf Einzelpersonen zu verlagern. Der Begriff wurde so erfolgreich, dass ihn die Oxford-Wörterbücher 2007 (für Großbritannien) zum Wort des Jahres wählten.14
Die Studien, die Exxon Desinformation vorwerfen, enthalten ‚cherry-picking and misrepresentations‘.
Analysieren Sie diese Aussage: Welches Muster der Desinformation steckt dahinter?
Wird hier ein inhaltliches Gegenargument geliefert – also ein konkreter Fehler in den Studien benannt und belegt? Oder werden die Wissenschaftler und ihre Arbeit pauschal diskreditiert? Welches PLURV-Muster könnte das sein?
Muster der Desinformation: Verschwörungsmythen.
Anstatt die Argumente der Forschenden inhaltlich zu widerlegen, werden die Wissenschaftler selbst und ihre Motive angegriffen. Das ist ein klassisches Muster: Wenn Fakten unbequem sind, wird das Vertrauen in diejenigen untergraben, die sie liefern. Konkrete Gegenbelege werden nicht genannt. Dieses Muster ist besonders wirksam, weil es keine Sachkenntnis erfordert – eine pauschale Diskreditierung genügt, um bei einem Teil des Publikums Zweifel zu erzeugen.
Korrekte Einordnung in einem Satz: ExxonMobils öffentliche Angriffe auf die Forschenden stehen im Widerspruch zu den eigenen internen Dokumenten, die den Befund der Studien inhaltlich bestätigen.
Als Supran und Oreskes 2017 nachwiesen, dass ExxonMobils öffentliche Kommunikation dem internen Wissen des Unternehmens widersprach, reagierte ExxonMobil mit einer öffentlichen Erklärung, die den Forschenden „cherry-picking and misrepresentations“ vorwarf – ohne konkrete inhaltliche Gegenargumente zu liefern. Die Autoren dokumentieren diese Reaktion als Teil eines jahrelangen Musters, bei dem das Unternehmen Kritiker systematisch zu diskreditieren versuchte.15
Exxon hat nie gezielt Desinformation betrieben.
Analysieren Sie diese Aussage: Welches Muster der Desinformation steckt dahinter?
Diese Aussage ist eine direkte Bestreitung – sie leugnet einfach, was andere behaupten. Welche Beweislast liegt hier bei wem? Und was müsste man zeigen, um sie zu widerlegen?
Muster der Desinformation: Verschwörungsmythen und Logik-Fehler.
Die pauschale Verneinung ist eine Variante des Verschwörungsmusters: Wer behauptet, nie etwas Falsches getan zu haben, zwingt andere in die Beweislast. Das ist gleichzeitig ein Logik-Fehler – die Abwesenheit eines Geständnisses ist kein Beweis für Unschuld.
Was die Aussage besonders interessant macht: Sie steht im direkten Widerspruch zu den eigenen internen Dokumenten des Unternehmens, die heute öffentlich zugänglich sind und detailliert belegen, was intern gewusst und extern verschwiegen wurde.
Korrekte Einordnung in einem Satz: Die öffentlich zugänglichen internen Dokumente von ExxonMobil sowie die peer-reviewte Studie widerlegen diese Aussage inhaltlich.
Diese Behauptung ist keine historische – ExxonMobil hat sie in verschiedenen Formen bis in die Gegenwart wiederholt. Der Haushaltsausschuss des US-Senats und der Oversight-Ausschuss des Repräsentantenhauses veröffentlichten 2024 nach dreijähriger Untersuchung einen gemeinsamen Bericht der demokratischen Fraktionen, der auf Basis von Millionen interner Dokumente das Gegenteil belegt.16
Schreiben Sie den Konter
- Wählen Sie eine Aussage aus M2. und schreiben Sie einen Konter in drei bis vier Sätzen nach dem Faktensandwich M3.
- Spielen Sie die Gegenseite: Was könnte die Person erwidern, der Sie gerade geantwortet haben? Notieren Sie die wahrscheinlichste Rückfrage — und prüfen Sie, ob Ihr Konter sie schon aushält oder nachgebessert werden muss.
- Vergleichen Sie zwei Konter zur selben Aussage. Begründen Sie: Welcher würde eine skeptische, aber gesprächsbereite Person eher zum Nachdenken bringen — welcher treibt sie eher in die Verteidigung?
Und jetzt? Kontern!
Werkzeug: Das Faktensandwich
Ein guter Konter ist mehr als „Das stimmt nicht“. Wer nur das Gegenteil behauptet, übergeht den wahren Kern, wiederholt womöglich die Falschbehauptung und greift nur den Fakt an — nicht den Trick, der die Aussage überzeugend macht17.
Nutzen Sie vier Schritte:
- Fakt zuerst. Beginnen Sie mit dem, was stimmt — in einem klaren Satz. Nicht mit dem Mythos einsteigen.
- Kern anerkennen, Mythos einmal benennen. Greifen Sie den wahren Kern auf und nennen Sie die Falschbehauptung genau einmal, mit Vorwarnung: „Behauptet wird …, das führt aber in die Irre, weil …“.
- Den Trick erklären, nicht nur den Fakt. Zeigen Sie den Denk- oder Kommunikationstrick — hier ein PLURV-Muster: Was wird gemacht, damit die Aussage überzeugt?
- Fakt wiederholen. Schließen Sie mit der richtigen Einordnung, damit das Letzte, was hängenbleibt, stimmt.
Modellbeispiel: schwacher und starker Konter
Die Klimaforschung ist zu unsicher, um politische Maßnahmen zu rechtfertigen.
Schwacher Konter: „Falsch, die Wissenschaft ist sich längst einig.“ → benennt keinen Kern, behauptet bloß das Gegenteil, erklärt den Trick nicht — die skeptische Person fühlt sich überfahren.
Starker Konter (Faktensandwich): „Der menschengemachte Erwärmungstrend gehört zu den am besten belegten Befunden der Naturwissenschaft (Fakt). Restunsicherheiten gibt es tatsächlich immer — die Behauptung dreht das aber um und macht Unsicherheit zum Grund fürs Nichtstun (Mythos, einmal benannt). Genau das ist eine unerfüllbare Erwartung: vollständige Sicherheit liefert keine Wissenschaft, auch nicht in Medizin oder Technik (Trick erklärt). Unter Restunsicherheit zu entscheiden ist der Normalfall verantwortlichen Handelns — nicht der Ausnahmefall (Fakt).“
Weitergedacht
- Manche raten, eine Falschbehauptung gar nicht zu wiederholen, um sie nicht zu verbreiten; andere sagen, man müsse sie benennen, um sie zu entkräften. Beziehen Sie begründet Stellung — und prüfen Sie, was das Faktensandwich dazu vorschlägt.



