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LEBENSNAHER CHEMIEUNTERRICHT

2.0
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Chemie
Sekundarstufe II
Reaktionsgeschwindigkeit & Gleichgewichte
Störungen von Gleichgewichten und weltweite Folgen
Datum:

Die Katastrophe am Lake Nyos

Eine Übungsaufgabe zum Prinzip von Le Chatelier

17.06.2026
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ID 1330

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Andreas BöhmGregor von BorstelDavid Weninger
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Die Idee dahinterPDF

Die Idee dahinter

Ziele
Die Lernenden können das Prinzip von Le Chatelier auf ein komplexes, reales Naturereignis anwenden und dabei Kausalitäten zwischen Druckänderung, CO₂-Entgasung und katastrophalen Folgen in einer Argumentationskette darstellen.

Die Lernenden ...

  • erläutern, welche Faktoren (Druck, Temperatur, Konzentration) die Löslichkeit von CO₂ im Tiefenwasser des Lake Nyos beeinflussten, und erklären das Ungleichgewicht zwischen Tiefen- und Oberflächenwasser.
  • beschreiben und erklären in Form einer Argumentationskette die Abfolge der Prozesse von der Druckentlastung bis zur CO₂-Wolke und stellen dabei die Kausalitäten unter Einbezug von Messdaten klar heraus.
  • erklären das Funktionsprinzip der Entgasungsanlage als gezielten technischen Eingriff in ein Gleichgewichtssystem und beurteilen anhand von Überwachungsdaten den Erfolg der Maßnahme.
Beschreibung

Diese Seite ist eine Übungs- und Anwendungsaufgabe: Das Prinzip von Le Chatelier setzen ist bekannt voraus. Hier wird es zum Werkzeug an einem echten, anspruchsvollen Fall. Den Reiz erzeugt eine produktive Fehlvorstellung — intuitiv erwartet man, dass wärmeres Wasser weniger Gas hält; im Lake Nyos hält das wärmere Tiefenwasser aber mehr CO₂, weil der Druck den Temperatureffekt überlagert. Eine zweite typische Hürde: Lernende meinen leicht, der Erdrutsch habe das CO₂ „freigesetzt“ oder „erzeugt“ — tatsächlich löst er nur die physikalische Entgasung eines bereits übersättigten Systems aus.

Das eigentliche Lernprodukt ist die Argumentationskette aus Aufgabe 3 — also nicht das fertig Aufgeschriebene, sondern das, was Lernende beim Vorstellen sagen und begründen können: die Kausalreihenfolge (Druckabfall → Übersättigung → Blasenbildung → Auftrieb → Kettenreaktion), die Rolle der positiven Rückkopplung und die Zuordnung zu den Augenzeugenbeobachtungen (Grollen, Blubbern, Fontäne, Färbung).

Darauf läuft alles zu: Aufgaben 1 und 2 bauen das Fundament (Löslichkeitsfaktoren, Lesen der Sättigungslinie); Aufgabe 3 verlangt das eigenständige Begründen; die Aufgaben 4 und 5 festigen und übertragen — erst auf die zeitliche Entwicklung, dann auf die technische Lösung samt datenbasierter Bewertung.

Der Lernende bewegt sich so von beschreiben über ein Diagramm deuten zu eine Ursachenkette konstruieren und schließlich erläutern.

Die Materialien liefern die Belege: M1 stellt die Daten bereit (Druckverhältnisse in Abb. 2, Konzentrations- und Sättigungsverlauf in Abb. 3, die Augenzeugenberichte), M2 das Prinzip der Entgasung und die Überwachungsdaten.

Steuerungshinweis: Aufgaben 1 und 2 lassen sich rasch im Gespräch sichern — es lohnt sich, Zeit in Aufgabe 3 und deren Plenumsdiskussion zu investieren. Hier wird Lernen sichtbar: Die Reihenfolge der Kette und die Rolle der Selbstverstärkung kann man verteidigen und gegeneinander abwägen lassen. Eine mögliche Zäsur (Pausenpunkt) liegt nach Aufgabe 3; die Aufgaben 4 und 5 sind der Transferteil und können auch in eine Folgestunde wandern.

Einbettung

Unmittelbar davor steht das Material „Das Prinzip von Le Chatelier“, in dem das Prinzip — nach experimentellen Vorerfahrungen mit gestörten Gleichgewichten — allgemein und qualitativ als Werkzeug verallgemeinert wurde. Diese Stunde ist die erste belastbare Anwendung dieses Werkzeugs an einem realen, nicht-trivialen Fall: Das abstrakt eingeführte Prinzip wird hier zur Erklärung eines konkreten Geschehens genutzt und dadurch gefestigt.

Danach folgt „Die Extraportion Sauerstoff?“, das Le Chatelier auf eine kritisch zu prüfende Werbeaussage zur Sauerstofflöslichkeit überträgt — also eine zweite Anwendung mit stärker gesellschaftlicher Ausrichtung. Von dort führt der Strang in die Carbonat-Chemie weiter („Kalkbildende Lebewesen bekommen Probleme“, „Wie kommt das Loch in den Kalkboden?“).

Im größeren Bogen des Themenfelds bereitet das hier geübte CO2-Löslichkeitsgleichgewicht den parallelen Strang „Kohlenstoffdioxid, Klima & Ozeane“ vor, in dem dasselbe Gleichgewicht die Rolle der Ozeane als CO2-Speicher und die Ozeanversauerung trägt. Lake Nyos liefert dafür den anschaulichen, abgeschlossenen Einzelfall, bevor das Prinzip in die komplexeren Klima- und Meereszusammenhänge wandert.

Aufgaben

  1. Erläutern Sie, welche Faktoren die Löslichkeit von CO2 in Wasser beeinflussen und inwiefern sich Oberflächenwasser und Tiefenwasser des Lake Nyos gravierend unterscheiden.
  2. Erklären Sie den Verlauf der „Sättigungslinie“ in Abb. 3.
  3. Beschreiben und erklären Sie in Form einer Argumentationskette, welche Prozesse nach dem Erdrutsch im August 1986 im Lake Nyos abliefen und zur Katastrophe führten. Stellen Sie dabei die Kausalitäten klar heraus und binden Sie die Daten aus M1 in ihrer Argumentation mit ein. Bringen Sie die einzelnen Prozesse mit den entsprechenden Beobachtungen der Augenzeugen in Zusammenhang.
  4. Erläutern Sie die Ursachen der Veränderungen der CO2-Konzentrationen von November 1986 bis Januar 2001
  5. Erklären Sie mit M2 die Funktionsweise der Entgasungsanlage. Gehen Sie dabei auch darauf ein, weshalb das Wasser von selbst weitersprudelte! Beurteilen Sie mithilfe von Abb. 6 den Erfolg der Entgasungsmaßnahme.
M1

Was ist passiert?

Weiteres

Der Lake Nyos ist ein See in Kamerun, der einen Vulkankrater ausfüllt, welcher in etwa 1100 m Höhe liegt. Der See ist etwa 210 m tief und weist zwei Besonderheiten auf:

  • Am Grund des Kraters entweicht ständig CO2 aus dem Boden und löst sich im Tiefenwasser des Sees. Das CO2 ist vulkanischen Ursprungs und stammt aus einer Magmakammer unter dem See.
  • Zudem strahlt der Boden des Sees zwar ständig Wärme ab, wodurch das Tiefenwasser geringfügig wärmer ist (ca. 25 °C) als das darüberliegende Wasser (ca. 23°C). Trotz der etwas höheren Temperatur hat das Tiefenwasser aber aufgrund der deutlich höheren Konzentrationen von CO2 und von diversen gelösten Salzen, die bei der Zersetzung von abgesunkenem totem organischem Material entstehen, eine größere Dichte als das darüberliegende Wasser. Jahreszeitlich bedingte Temperaturveränderungen des Oberflächenwassers gibt es wegen des tropischen Klimas kaum. Also kommt es zu keiner Umwälzung des Wassers.

oben: der See im Krater, unten: eine plötzlich entstehende Gaswolke aus Kohlenstoffdioxid. 1

Im August 1986 ereignete sich das sogenannte Lake Nyos-Desaster. Die meisten Geologen sehen als Ursache einen Erdrutsch im Seekrater an, der dazu führte, dass durch die herabrauschenden Erdmassen das CO2-reiche Tiefenwasser aufgewirbelt wurde und dabei plötzlich in die darüberliegenden Wasserschichten gedrückt wurde. Durch diese Wasserbewegung wurde eine Kettenreaktion ausgelöst, die letztendlich dazu führte, dass eine riesige „CO2 -Welle“ (etwa 1,7 Millionen Tonnen CO2) aus dem See freigesetzt wurde, die sich in die nordwestlich und östlich unterhalb des Kraterberges liegenden Täler ausbreitete. Diese CO2-Wolke tötete 1746 Menschen und noch mehr Tiere, die sich dort aufhielten.2
Augenzeugen von der südwestlichen Bergflanke, die von der CO2-Wolke nicht betroffen war, berichten von einem Grollen, dem ein mächtiges Blubbern folgte. Die Menschen kamen aus ihren Hütten gerannt und sahen eine riesige Fontäne und eine gigantische weiße Wolke, die sich aus dem Lake Nyos erhob. Das Oberflächenwasser zeigte noch Tage danach eine auffallend bräunliche Färbung.

Weiteres

Seit der Katastrophe vom August 1986 wird der Nyos See aufmerksam beobachtet, unter anderem wird der CO2-Gehalt in verschiedenen Wassertiefen regelmäßig kontrolliert. Die unterschiedlichen Druckverhältnisse, die für die im Wasser des Lake Nyos befindlichen CO2-Mengen von entscheidender Bedeutung sind, sind in folgender Abb. 2 veranschaulicht. Die Temperatur- und pH-Wert-Differenzen können vernachlässigt werden.

Druckverhältnisse im Lake Nyos und Orte des Lösens und Ausgasen von Kohlenstoffdioxid.3

Abb. 3 stellt die Ergebnisse der Messungen des CO2-Gehalts vom November 1986, November 1993 und Januar 2001 grafisch dar. Die Grafik gibt außerdem Auskunft darüber, wieviel CO2 sich in den verschiedenen Wassertiefen maximal lösen kann („Sättigungslinie“) und welche Konzentrationen für den Sommer 1986 vor der Eruption vermutet werden.

Kohlenstoffdioxid-Konzentrationen zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Tiefen im Lake Nyos.3

M2

Gegenmaßnahmen

Weiteres

Eine zunehmend bessere Überwachung des Kohlenstoffdioxid-Gehalts sowohl im Lake Nyos als auch im Lake Monoun, einem weiteren See mit ähnlicher Problematik, ist Teil einer wissenschaftlichen Partnerschaft für nachhaltige Entwicklung zwischen Japan und Kamerun. Diese Partnerschaft steht beispielhaft für UN-Nachhaltigkeitsziel 17 und den Schutz vor Naturgefahren: Überwachung und Entgasung schützen die Bevölkerung vor einer erneuten limnischen Eruption.

Weiteres

Das Prinzip der Entgasungsanlage. 4

Schon 2001 wurde als Reaktion auf die wieder ansteigende Kohlenstoffdioxid-Konzentration eine Entgasungsanlage installiert (Abb. 5). Ziel war es, den See permanent zu entgasen. Für die Inbetriebnahme wurde Tiefenwasser mit Hilfe einer Saugpumpe (P) durch ein Rohr nach oben gesaugt (1). Während der Bewegung nach oben begann das Wasser von selbst unter Gasblasenbildung nach oben zu schießen (2). Die Pumpe wurde dann nicht mehr benötigt.

Weiteres

Mittlerweile hat man zusätzliche, solarbetriebene Entgasungsanlagen installiert. Die Entgasung verlief und verläuft effizient (Abb. 6 und Fotos online) aber man überwacht die Werte dennoch fortlaufend. 5

Überwachungsdaten am Lake Monoun und am Lake Nyos.6

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Die Katastrophe am Lake Nyos
Eine Übungsaufgabe zum Prinzip von Le Chatelier
https://lncu.de/material/die-katastrophe-am-lake-nyos/